Vereine und IGs in Zeiten von Corona

Vereine und IGs in Zeiten von Corona

Die Mitglieder der Vereine und IGs der Funktionsmodellbau-Szene wurden, wie wahrscheinlich die meisten anderen Menschen, recht unvorbereitet von der weltweiten Corona-Pandemie getroffen. Wie sie die noch nie da gewesene Situation erlebt haben, wie die Zeit des Lockdowns gestaltet wurde und wie sie die Auswirkungen der weltweiten Krise auf das Hobby beurteilen, haben die Mitglieder einiger Vereine und IGs der RAD & KETTE-Redaktion erzählt. Ein Stimmungsbericht.

„Am 23. Februar hatten wir die letzte Vereinssitzung, bei der wir noch Pläne für 2020 geschmiedet haben. Am 13. März trafen wir uns noch einmal auf unserem Außengelände, um es auf die Freiluftsaison vorzubereiten. In der Woche darauf traten in Bayern Ausgangsbeschränkungen in Kraft, sodass unser Vereinsleben, zumindest in der realen Welt, völlig zum Erliegen kam“, berichtet Peter Meyer vom Truck-Modell-Club Nürnberg. Auch bei den Kollegen von Funktionsmodellbau München waren seit März keine Treffen mehr auf dem Vereinsgelände möglich. Bei den Modellbauern der IG-HFM (Hamburger Funktionsmodellbau) in Norddeutschland hatte man noch das Glück, am ersten Wochenende im März an der Modellbau Schleswig-Holstein teilnehmen zu können. „Ein solches Messe-Wochenende hilft schonmal über eine gewisse Zeit. Davon haben wir noch eine ganze Weile gezehrt“, erinnert sich Robert Zomm, 1. Vorsitzender der IG.

Neue Projekte

Nachdem man sich erst einmal mit der neuen Situation arrangiert hatte, wurde die unverhoffte Freizeit fleißig genutzt – nicht nur in Hamburg. „Gerade auf der Messe in Neumünster hat man noch einmal neue Ideen bekommen oder Schwachstellen am eigenen Modell entdeckt. Die Werkstätten und Plantafeln unserer Mitglieder waren gut belegt. Die Einschränkungen durch Corona haben keine Langeweile aufkommen lassen“, berichtet Robert Zomm. Auch Maik Weisheit von der IG Militärmodellbau Harzkreis konstatiert: „In der Zeit ist das eine oder andere Modell entstanden, das es ohne den Lockdown gar nicht gegeben hätte.“

Neben privaten (Bau-)Projekten wurde die Zeit des Lockdowns auch genutzt, um die Vereinsgelände auf Vordermann zu bringen. Natürlich nur einzeln oder zusammen mit ein, zwei Vereinsmitgliedern mit ausreichend Sicherheitsabstand. So fährt auf dem Gelände im Harzkreis ab sofort eine Feldbahn. Sowohl die Strecke dafür als auch die Fahrzeuge sind neu dazu gekommen. Ebenso wie eine neue Beleuchtung. Auch die Mitglieder des mini-Truck-Club Recklinghausen nutzten die Zeit und räumten auf, wie Ralf Pahlke berichtet. Auf dem Gelände, aber auch auf der vereinseigenen Website, die nun im neuen Gewand erstrahlt.

Eine neue Feldbahnstrecke fährt ab sofort beim IG Militärmodellbau Harzkreis – ebenfalls ein Projekt, das in der Corona-Zeit entstanden ist

Bei den Funktionsmodellbauern in München entwickelte man neben den eigenen Fahrzeugen auch neue Gebäude für das Vereinsareal sowie Figuren, die dort künftig zum Einsatz kommen sollen. Auch in Sachen Nachwuchsförderung tat sich etwas in der Corona-Zeit. „Zur Verstärkung hat sich ein zweites junges Mitglied gefunden. Unsere Youngster bauen sich gerade ihr eigenes Bagger- und Buddelgelände mit Sand, Kieswerk und Förderband“, freut sich Bernd Kirschner, 1. Vorsitzender des Münchner Zusammenschlusses.

Skype, Whatsapp, E-Mail

Auch wenn persönliche Kontakte eine ganze Zeit eingeschränkt und Vereins- und Fahrtreffen dadurch ebenfalls nicht möglich waren, blieben die Vereins- und IG-Kollegen in Verbindung. „Wir haben täglich mit den Mitgliedern über unseren Threema-Bastelkanal, Skype und über unsere eigene Rubrik im HengLong-Panzerforum Kontakt gehalten“, berichtet Bernd Kirschner weiter. „Zudem haben wir immer wieder persönliche E-Mails an die Mitglieder geschrieben um zu erfahren, wie es ihnen und ihren Familien geht. Eine Mitgliederversammlung haben wir sogar online über Skype abgehalten. So haben wir Alten auch skypen gelernt“, erklärt er schmunzelnd. Auch in Franken setzte man auf Austausch übers Handy. „In der Zeit des Lockdowns hielten die Vereinsmitglieder über Whatsapp Kontakt, wo viele neben den unvermeidlichen Corona-Witzen auch von aktuellen Bauprojekten in der heimischen Werkstatt berichteten oder Rat bei kniffligen Problemen suchten“, berichtet Peter Meyer. In Hamburg tauschte man sich ebenfalls auf diesem Weg aus, beratschlagte über heimische Bauvorhaben, berichtete aber auch über Fortschritte und tauschte sich aus, so gut es eben ging.

Dennoch fehlten auf Dauer natürlich der persönliche Austausch und Input. Ob mit den Kollegen aus dem eigenen Club oder mit befreundeten Vereinen. „Schade, dass auch die Intermodellbau in Dortmund ausfallen musste. Dort wird schon mal gerne für die nächsten neuen Projekte eingekauft. Auch der Austausch mit den Modellbauern aus anderen Regionen und Vereinen, ob nun IG oder Verein ist damit weggefallen“, bedauert Robert Zomm.

Treffen unter Auflagen

Umso mehr freute man sich, als es dank sinkender Infektionszahlen langsam Lockerungen gab und Treffen unter Auflagen wieder möglich waren. Bei der IG Militärmodellbau Harzkreis in Sachsen-Anhalt war dies bereits im Mai möglich. „Unser Zwei-Tages-Treffen an Pfingsten konnte kurzfristig doch noch stattfinden. Die Genehmigung kam zwei Tage vor Beginn. Eine Bekanntmachung war damit zwar nicht wirklich möglich und sinnvoll. Dennoch war an den beiden Tagen gut was los bei uns. Unsere Vereinsmitglieder waren gut vertreten und auch einige Stammgäste“, berichtet Maik Weisheit. „Unter den Vorzeichen und den einzuhaltenden Maßnahmen war das eine durchaus gelungene Veranstaltung“, berichtet er. Zu den Maßnahmen gehörte und gehört auch weiterhin ein Hygienekonzept. Dieses hat bis auf Weiteres Bestand. „Dazu gehört zum Beispiel, dass wir nicht wie bisher üblich an einer langen Tafel sitzen, sondern mehrere Sitzgruppen aufgebaut sind. An diesen stehen Stühle statt Bänke, damit der Abstand eingehalten werden kann“, erklärt Maik Weisheit. Mittlerweile finden in Sachsen-Anhalt wieder regelmäßig Treffen statt. Was Maik Weisheit begrüßt. „Im Moment ist etwas Normalität eingekehrt, was ich persönlich für sehr wichtig halte“.

Auch beim Funktionsmodellbau München war die Freude groß, als gemeinsames Fahren wieder erlaubt war

Im Ruhrgebiet ging etwas später wieder los. Anfang Juni erlaubte die Stadt Recklinghausen ein erstes Mitgliedertreffen nach der Zwangspause. Mitte des Monats fand die erste Sonntagsfahrzeit statt. „15 Mitglieder freuten sich, dass der Wettergott ein Einsehen hatte und es nur mäßig regnen ließ. Endlich hieß es wieder fahren, neue Modelle testen und einfach gemeinsam Spaß am Hobby haben“, freut sich Ralf Pahlke vom mini-Truck-Club Recklinghausen. Ähnlich erging es den Mitgliedern der Ortenauer Truck- und Schiffsmodellbau Freunde. „Seit wenigen Wochen können wir endlich wieder unser Vereinsheim aufsuchen und unsere regelmäßigen Bastel-Treffen machen. Das stärkt die Vereinsgemeinschaft enorm“, stellt Ruben Schäfer, 1. Vorsitzender der Ortenauer Freunde fest.

Neue Rahmenbedingungen

Auch in München und Franken freute man sich übers Wiedersehen. Doch auch dieses war mit Auflagen verbunden. Hygienepläne, Kleingruppen, Gesichtsmasken, Desinfek­tionsmittel und Regeln zum Umgang mit Geschirr und Lebensmitteln prägten die wenigen Vereinstreffen. Ebenso wie Anwesenheitslisten und Abstandsregeln. Das funktionierte gut. So gut, dass man sich beim Truck-Modell-Club Nürnberg auch dazu entschied, das alljährliche Sommerfest Ende Juli stattfinden zu lassen. „Natürlich alles unter veränderten Rahmenbedingungen. Es gab kein Nachtfahren, keine Übernachtungen, keine Gäste und nur eingeschränkte Verpflegung“, berichtet Peter Meyer.

Im Norden finden seit dem Ende der Sommerferien Anfang August wieder Clubtreffen statt. „Natürlich unter Einhaltung der Hygienevorschriften und alles auf Abstand und in einem geschlossenen Personenkreis. Es wurde auch Zeit, wieder unter Gleichgesinnten dem Hobby zu frönen. Da das bei uns unter freiem Himmel stattfinden kann, ist das Risiko sicher überschaubar. Dennoch gibt es eine Teilnehmerliste, um eventuelle Infektionen nachverfolgen zu können. Und alles aus eigenem Interesse zum Schutz aller“, erklärt Robert Zomm.

Ungewisse Aussichten

Bei aller Freude über das erste kleine bisschen „Normalität“ stehen schon die ersten großen Fragezeichen im Raum. „Wie das im Winterhalbjahr gehen wird, ist wohl für niemanden absehbar“. Denn niemand kann sagen, wie sich die Situation weiterentwickeln wird. Mit der Faszination Modellbau ist nun auch die letzte große Publikumsmesse im Modellbaubereich für dieses Jahr abgesagt und die Zahl der Neuinfektionen steigt wieder.

Für viele Hersteller und Anbieter der Funk­tionsmodellbau-Sparte ist das laufende Jahr sehr schwierig. „Die Ladengeschäfte hatten schon vor dem Lockdown teilweise sehr zu kämpfen. Hoffen wir mal, dass wir mit Direktbestellungen über die Zeit helfen konnten“, hofft Robert Zomm. Auch die Messe- und Veranstaltungs­industrie hat sehr gelitten, gibt Maik Weisheit zu bedenken und fragt sich, ob da überhaupt die Möglichkeit besteht, „solche großen Veranstaltungen zu stemmen“.

Ebenso wie bei den Club-Kollegen in Recklinghausen

Auch für die Vereine und IGs fällt mit den Veranstaltungsabsagen eine Einnahmequelle weg. „Wir sind auf verschiedenen Messen mit unserer Kinder-RC-Fahrschule vertreten und finanzieren aus den Spenden der ‚Fahrschüler‘ zum Teil unser Vereinsleben. Diese Einnahmequelle ist leider in diesem Jahr kein verlässlicher Hafen. Einige Messen und auch Firmenveranstaltungen, zu denen wir normalerweise kommen, sind schon ausgefallen oder abgesagt“, erklärt Ruben Schäfer. Nur über Mitgliedsbeiträge lassen sich beispielsweise Vereinsräume nicht finanzieren. „Im März und April wären wir zu drei Veranstaltungen eingeladen gewesen, die uns dringend benötigte Einnahmen beschert hätten. Leider lösten sich unsere Pläne in den nächsten Wochen nach und nach in Luft auf, sodass wir bis auf Weiteres nahezu keine zusätzlichen Einnahmen haben werden. Wir werden uns also als Verein früher oder später mit alternativen Finanzierungsmodellen beschäftigen müssen“, ergänzt Peter Meyer.

Auswirkungen aufs Hobby

Über die langfristigen Auswirkungen der weltweiten Krise auf das Hobby ist man in der Szene geteilter Ansicht. Maik Weisheit beispielsweise benennt finanzielle Einschränkungen und damit verbunden einen Rückgang des Interesses am Hobby als Folge. „Kurzarbeit leistet auch ihren Beitrag. Wenn das Geld knapp wird, leidet das Hobby zuerst. Somit ist es denkbar, dass der eine oder andere dem Hobby in Gänze dem Rücken zukehren wird, da es einfach nicht mehr finanzierbar ist“.
Bernd Kirschner vom Funktionsmodellbau München denkt nicht, dass es langfristige Folgen für das Hobby geben wird: „Davon gehen wir nicht direkt aus. Krankheiten, Seuchen, Pandemien hat es schon immer gegeben, wie die Grippe. Allerdings werden einige kleine Modellbau-Händler oder -Hersteller auf der Strecke bleiben. Das ist sehr schade, da das Angebot immer kleiner wird. Bei Bestellungen, gerade aus dem Ausland, bemerken wir schon sehr lange Wartezeiten aufgrund von Lieferschwierigkeiten. Teilweise kann nicht geliefert werden“.

Peter Meyer vom Truck-Modell-Club Nürnberg beurteilt die Konsequenzen als schwer voraussagbar. „Zwar zeigt sich, dass wir als Verein im Freien durch überlegte Planung und die Disziplin der Mitglieder durchaus zusammenkommen können, aber Publikumsveranstaltungen werden wir in den nächsten ein bis zwei Jahren vermutlich eher nicht haben. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Welt weit davon entfernt ist, das Virus in den Griff zu bekommen, aber auch mit der wirtschaftlichen Situation der Firmen, die uns zu Events einladen.“

Zuversichtlich gibt sich dagegen Ruben Schäfer von den Ortenauer Truck- und Schiffsmodellbau Freunden: „Im Leben gilt wie auch beim Modellbau: Nur mit Optimismus kann man Erfolge verbuchen. Daher sind wir guter Dinge, dass wir unser Hobby irgendwann wieder wie gewohnt betreiben können. Es ist nur eine Frage der Zeit.“


Diesen und weitere Artikel können Sie in der Ausgabe 04/2020 von RAD & KETTE lesen. Diese können Sie im Alles-rund-ums-Hobby-Shop bestellen.